Ich muss gestehen, ich bin die Sache mit den „winterharten Zitruspflanzen“ eher naiv angegangen. Meine ersten frosthärteren Hybriden habe ich bei meiner ersten Begegnung mit Bernhard Voss gekauft und die neu erworbenen Pflanzen dann gleich im folgenden Winter einem brutalen Frosttest unterzogen, der beinahe zum Totalverlust geführt hätte. Nur „Cunningham livurce“ überstand -10° im Topf (ohne Schutz oder Einsenken) unbeschadet. „Thomasville citrange“ und „Sanford curafora“ erlitten mittelschwere Schäden, überlebten aber. Die „Snowsweet“ -USA 119- ist damals eingegangen. Das ist alles fast 30 Jahre her.
Aus heutiger Sicht kann ich über meine damaligen Vorstellungen nur lachen. Jahrzehnte Erfahrung mit „frostharten“ Zitruspflanzen haben gezeigt, dass es bis heute keine Züchtung gibt, die in unseren Breiten -und da rede ich vom Weinbauklima- ohne Schutz sicher winterhart ist. Und auch von gut essbaren Früchten dürfen wir weiterhin nur träumen. Letzteres gilt vor allem für Kreuzungen, die einen hohen Anteil Poncirus-Gene tragen.
Die gute Nachricht ist aber, dass es bei einigen Hybriden nur sehr wenig Schutz braucht, um sie über den Winter zu bringen, und es in einigen Fällen auch berechtigte Hoffnungen auf essbare Früchte bei ausreichender Frosthärte gibt.
Ein spannender und etwas obskurer Kandidat mit süßen Mandarinenfrüchten wäre die Chimäre „Lussa“, ein Zwitterwesen aus Poncirus und einer Satsuma-Mandarine aus der ehemaligen Sowjetunion. Bei dieser Chimäre liegen Schichten aus Poncirus- und Satsuma-Gewebe übereinander. Günstigerweise werden die Früchte nur aus Satsuma-Gewebe gebildet, während zum Beispiel in den Blättern beide Gewebe nebeneinander liegen. Jedenfalls haben die Poncirus-Zellen das Potential den Satsuma-Anteil der Chimära wirkungsvoll gegen Frosteinwirkung zu schützen. Die Chimera ist von Bernhard Voss einem breiteren Publikum zugänglich gemacht worden. Zugleich hat er für einige Verwirrung gesorgt. Voss nannte die Chimäre Lussa aus der Sowjetunion „Citsuma Prague„, weil er sie vom botanischen Institut der Uni Prag bekommen hatte und dachte, es handle sich um eine Hybride aus Satsuma und Poncirus. Lussa ist im Weinbauklima ohne Schutz winterhart. Entstanden ist diese Sorte durch eine spezielle Veredelungstechnik schon in den Zwanzigerjahren. Sie kann nur durch Pfropfen vermehrt werden.
In der UDSSR wurden zahlreiche Versuche unternommen, Zitruskulturen sogar unter kontinentalen Bedingungen zu ermöglichen. Der Spiritus Rektor derartiger Bemühungen dürfte Iwan Wladimirowitsch Mitschurin gewesen sein.
In den USA hat man nach der großen Frostkatastrophe vom Februar 1899, bei der die Temperaturen auf -2°Fahrenheit (fast -19°C) gefallen sind und die die die Zitruskulturen in Florida vernichtet hat, vor allem nach frostharten Unterlagen geforscht.
Eine Reihe der damals, vor mehr als hundert Jahren, entstandenen Hybriden hat schon früh ihren Weg nach Europa und in die junge Sowjetunion gefunden. Während in der SU durchaus Versuche unternommen wurden, frostharte Sorten zu züchten, dürfte im Westen das Interesse an krankheitsresistenten Unterlagen überwiegt haben. Jedenfalls waren in Gärten der gemäßigten Klimazone bis vor Kurzem keine Zitruspflanzen zu finden (sieht man von Citrus trifoliata einmal ab). Eine überschaubare Gruppe von begeisterten Gärtnern ist dabei, das zu ändern.